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10.9.2010 : 17:51 : +0200

Veranstaltungshistorie: Detail

"SCHWARZE SONNE":
Ewiger Nazi-Schatten über Mythologie und Spiritualität in Deutschland?

Rüdiger Sünner, Berlin

Dass Deutschland kein ungebrochenes Verhältnis zu seinen Mythen hat, erkennt man erst auf den zweiten Blick - dann aber überdeutlich. Der Autor und Filmemacher ("Schwarze Sonne - Mythologische Hintergründe des Nationalsozialismus") thematisiert in folgendem Beitrag die Frage, ob eine Quelle dieser Berührungsängste der Deutschen im Hinblick auf spirituelle, mythologische und metaphysische Themen möglicherweise auf den massiven Mythenmissbrauch der Nationalsozialisten zurück geführt werden kann.

Mit dieser Frage schloss auch ganz bewusst mein Film "Die Schwarze Sonne". Nach dessen öffentlichen Aufführungen löste sie heftige Diskussionen in Deutschland aus, und gelegentlich auch heftige Kontroversen. Von einigen Beteiligten wurde die Thematisierung des Mythenmissbrauchs - und damit auch des Missbrauchs der bei ihrer spirituellen Sehnsucht gepackten und verführten Menschen - als erlösend und selbstverständlich, von anderen aber auch als überzogen, falsch oder fast schon reaktionär empfunden.

Das Tabu "Irrationalität"
Mich beschäftigt jene Frage bis heute, weil ich jeden Tag aufs Neue spüre, dass sie volle Berechtigung hat. Nicht nur in Schule, Universität und Medien umgeht man eine differenzierte Auseinandersetzung mit den Germanen, während die Kelten beinahe schon als esoterische Highlights gelten, sondern man verdrängt diese Kulturepoche, wertet sie ab oder ironisiert sie. Bestes Beispiel zwei SPIEGEL-Titelgeschichten (Nr.44, 1996 und Nr.32, 2000), in denen unsere Vorfahren polemisch-undifferenziert als "grobschlächtige Archaiker", "Störenfriede im Nebelland", "geistesverwirrte Fremdlinge" und "frühzeitliche Hooligans" bezeichnet wurden. Was Begriffe wie Walküren, Runen, Walhall, Wotan, Yggdrasill, Ragnarök bedeuten, wie die Sagen um Siegfried, die Nibelungen oder den heiligen Gral aussehen, weiß heute kaum noch eine/r und es ist geradezu makaber, dass Jugendliche auf solche Dinge oft erst in der rechten Szene stoßen, die sie schon ideologisch zubereitet hat. Skandinavien, mit ähnlichen Traditionen versehen, geht mit diesem Erbe völlig anders um, ebenso die keltischen Länder Irland, Schottland, Bretagne etc.. Aber mir scheint, dass nicht nur die germanischen Glaubenswelten in Deutschland unter Verdacht stehen, sondern Mythologie schlechthin. Begriffe wie "Mythos", "Mythenbildung" und "Mythisierung" werden als negative Bezeichnungen gebraucht, die soviel wie Verschleierung und Verfälschung meinen. Solche Wortwahl macht es unmöglich, die differenzierte Struktur mythologischer Welten (auch die der Germanen) näher kennen und schätzen zu lernen. Das ist umso bedauerlicher, als diese häufig ein reiches spirituelles Weltbild bieten, das wesentlich komplexer und tiefgründiger ist als die dualistischen Abziehbilder, die von politischen Ideologien daraus gemacht werden. Ich gehe noch einen Schritt weiter und behaupte, dass das gesamte metaphysische bzw. spirituelle Denken von dieser Generalentwertung betroffen ist. Diese Entwicklung der Säkularisierung und Rationalisierung geschieht zwar auch in anderen Ländern, aber in Deutschland kommt noch die traumatische Erinnerung an das Dritte Reich hinzu, wo Begriffe wie "Ewigkeit", "Wesen", "Geist", "Idee", "Transzendenz", "Wiedergeburt" etc. durch massivsten Missbrauch mit einem noch viel größeren Schatten versehen wurden.

Unterdrücktes sucht sich neue Wege, die dann nicht unbedingt die erfreulichsten sind
Dies ist umso schmerzhafter, als gerade Deutschland in seinen Dichtern und Denkern eine lange metaphysische Tradition kennt, die keineswegs immer nur zu Rassenwahn und Barbarei führte. Im Gegenteil resultierten aus ihr auch eine Menge humane, künstlerische und sogar naturwissenschaftliche Ideen. Bedauerlich ist nicht nur die Verdrängung solcher Traditionen, sondern auch die Tatsache, dass sich spirituell hungrige Menschen heute in Unkenntnis dieser Dinge Ersatz bei zahlreichen Pseudomythen und esoterischem Firlefanz holen. Diese reichen von okkultem Hokuspokus über unreflektierte Asien-Schwärmerei bis zur Esoterik der Neuen Rechten, die mit "magischer" Aufladung des NS vor allem Jugendliche zu ködern versucht. Aufklärung, Differenzierung und Beschäftigung mit der (auch eigenen) spirituellen Tradition sind daher äußerst wichtig, da die Gesellschaft sonst in einen immer unheilvolleren Gegensatz von entseelter Rationalität und wildwuchernder "Spiritualität" auseinanderzuklaffen droht. Dass dieser nicht nur psychische Verarmung, sondern auch psychotische und gewalttätige Phänomene zur Folge hat, kann man täglich den Medien entnehmen.

Wissensvermittlung statt Wissensvermeidung
Was kann man dagegen tun? Sicherlich keine neuen Heilslehren schaffen oder Archaisches nur unreflektiert verklären. Ein erster Schritt müsste Wissensvermehrung sein, auch das Bemühen um Entkrampfung in der öffentlichen Diskussion. In Amsterdam und Paris etwa wurden vorbildhaft bereits akademische Lehrstühle für Esoterik eingerichtet, während solcherlei Themen in unserem universitären Raum nur mit Abwertung oder ironischer Distanz betrachtet werden. Wichtig wäre auch ein Schulunterricht, in dem die Mythen und archetypischen Bilder unbedingt thematisiert werden müssten, auf die die Kids spätestens am Nachmittag in ihren Lieblingsfilmen und Computerspielen stoßen.



"Vom Umgang der Deutschen mit ihren Mythen"
25. 6. 02 - Rüdiger Sünner im Gespräch mit Wolfgang Schmidt-Reinecke

Beginn: 19.00 / Kostenbeitrag: EUR 8,- (erm. EUR 5,-)

Veranstaltungsort:
ISB - Integrale Studien Berlin
c/o Johannes Drummer
Windscheid Str. 12
10627 Berlin
(UBhf Sophie-Charlotte-Platz)

Info: Deutsche Transpersonale Gesellschaft e.V., 9209 4542 (Tel)
www.transpersonal.de

 


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